Aktuelles arrow Aktuelles arrow Nachdenkgeschichte
Nachdenkgeschichte PDF Drucken

Hallo, meine Lieben!

Andrea und Franzi Schramml haben mir zum Geburtstag das wunderschöne Buch eines Geigenbauers geschenkt. Es ist ausgesprochen spannend zu lesen,z.B wie ein Gegenbauer Mühen und Plagen auf sich nehmen muss, um den richtigen Baum für sein Geigenholz zu finden und schon beim ins Tal Schaffen des Baumes den Klang heraushört, ob er geeignet ist oder nicht.
Sehr beeindruckt hat mich das folgende Kapitel, in dem Martin Schleske, so heißt der Geigenbauer, seine sorgsame Arbeit in Gedanken über das Leben umsetzt.

Die Suche des Herzens
Ein großartiges Klangholz findet sich nicht nebenbei. Unsere Suche ist mir damals zu einem Gleichnis für eine viel umfassendere Suche geworden. Wenn schon ein guter Geigenklang diese Mühen und Wege verlangt, wie könnte dann der Klang unseres Lebens weniger verlangen? Es ist der Weg der wahren Pilgerschaft. Hat nicht Gott uns darum ein Herz gegeben, damit wir ihn suchen? Und wird nicht gerade diese Suche die Dinge unseres Lebens von Grund auf verändern? In einem Psalmwort heißt es: »Denen, die Gott suchen, wird das Herz aufleben« (69,33). Es ist bemerkenswert, dass dieses Wort nicht vom Finden, sondern vom Suchen spricht! Was dem Klang meiner Geigen das Holz ist, das ist meinem Leben der suchende und hörende Glaube.
Das Leben ist kein Weg im Flachland, wo die Dinge schnell wachsen und einfach zu finden sind, sondern es geht durch die Brüche, Widrigkeiten und Unwegsamkeiten hindurch. Eines ist allen Wegen der Gottessuche gleich: Ein leidenschaftsloser Geist ist der gefährlichste Feind des Glaubens. Es ist eine subtile Form des Unglaubens, wenn man sich an das, was man glaubt, gewöhnt hat. Es ist kraftlos. Ein wacher Glaube kann sich weder an Gott noch an die Welt gewöhnen. Denn in der Gewöhnung ist die Seele ohne Hoffnung, und der Geist ist ohne Fragen.
Das Leben wird reizlos, wenn man die Dinge hinnimmt und darum auf nichts mehr reagiert. Anpassung (biologisch: Adaption) bedeutet, dass die Reize ausgeblendet werden. Die Antwortrate der Zellen nimmt ab. Es kommt dann zu keiner Reaktion mehr. So ist es auch im Glauben: Antworten des eigenen geistigen Milieus beruhigen. Doch manchmal tun sie das so sehr, dass man über ihnen schläfrig wird. Es findet keine Reaktion mehr statt. Das Ende der Adaption ist ein reizloses Leben.
Die Frage, ob in den Windbrüchen und Steilhängen unserer Welt nicht doch ein gutes Tonholz zu finden ist (und was es bedeutet, danach zu suchen), wird oft genug mit dem beruhigenden Rat erwidert: »Setz dich an den warmen Ofen und warte die Schneeschmelze ab!« Es gibt Menschen, die sagen stets: »Bleib ruhig!«, denn sie halten Harmonie bereits für Frieden und halten eine ungetrübte Stimmung bereits für Stimmigkeit. Es gibt Antworten, die nehmen uns den Glauben, denn sie schläfern unsere Visionen und Leidenschaften ein.
Etliche unserer Kollegen hätten wohl gesagt: »Auch wir haben schon gutes Holz gesucht und hatten kein Glück dort oben. Setz dich zu uns und stör nicht die gute Stimmung derer, die sich mit der Realität abgefunden haben!« Manch ein vermeintlich reifer Mensch gibt seinen Ratschlag als »Erfahrung« aus, um sich nicht dem stellen zu müssen, was in Wahrheit dahintersteckt: Resignation. Man muss sich vor solcher Art erfahrener Menschen schützen! Sie vergiften jede Hoffnung. Nichts hindert den Weg eines Menschen mehr, als seine Weigerung, lieb gewonnene Enttäuschungen loszulassen. Da wird die Weisheit uns zur Warnung: Hüte dich vor einem Menschen, dessen Ratschlag aus den gehegten und gepflegten Enttäuschungen kommt, denn er hat seine Seele gefesselt, und wenn du ihm glaubst, dann geschieht das womöglich auch dir!
Es ist ein inneres Gebot des Menschengeistes, dass wir Suchende bleiben. Unser Weg an die Baumgrenze des Stuibenwalds wurde mir darin zum Gleichnis. Unsere Fragen sollen uns zu Suchenden machen, unsere Visionen zu Hoffenden, unsere Sehnsucht zu Liebenden. Um den Augenaufschlag des Lebens zu sehen und ihn zu erwidern, braucht man einen liebenden und suchenden Geist.

LG Gerhard

 
>