Aktuelles arrow Aktuelles arrow Nachdenkgeschichte
Nachdenkgeschichte PDF Drucken

Hallo meine Lieben!

In einer der letzten Wochenendausgaben der Salzburger Nachrichten hat Dirk Stermann einen sehr sprühenden Artikel über Jugendliche, die sich zu IS hingezogen fühlen, verfasst, den ich euch heute gerne präsentieren möchte. Zugegeben, der Teil mit dem muslimischen Mathelehrer ist nicht ganz koscher, wenn man bedenkt, dass es die Araber waren, die in unser dumpes europäisches Mittelalter die Wissenschaft gepumpt haben. Trotzdem, viel Vergnügen beim Lesen, trotz allen Ernstes dieses Themas.

Behaupten statt enthaupten

SN Print | 26.09.2014

Als ich meinen Roman „Stoß im Himmel“ schrieb, in dem ein vertauschtes Schweinsschnitzel zu Glaubenskämpfen führt, ahnte ich nicht, wie schnell Realitäten Fiktion einholen. Jeden Morgen, nach Sonnenaufgang, durchforste ich die Medien nach Neuigkeiten zum Terror.

Kann man ISIS-Terroristen auf einer Podiumsdiskussion umstimmen? Unter dem Motto „Behaupten statt enthaupten“? Und wieso klingt ISIS wie der Name eines Reiseveranstalters? „1001 Albtraumnächte im Nahen Osten mit ISIS, dem Dark-Tourism-Marktführer.“ Wer schon einmal im Nahen Osten war, der weiß, dass es dort sehr warm, staubig und landschaftlich eintönig ist. So toll die erste Sanddüne ist, so fad wird’s ab der dritten. Welcher dreizehnjährige Berliner, Amsterdamer oder St. Pöltner Rapper fährt freiwillig dorthin, wo er von all den anderen Bärtigen ob der Bartlosigkeit ausgelacht und an einen zahnlosen Scheich als Mädchen zwangsverheiratet wird? Da sehnt man sich schnell danach zurück, daheim, nach dem misslungenen Hauptschulabschluss jeden Tag die „Barbara Karlich Show“ zu schauen.

Der Sand knirscht ja auch so furchtbar zwischen den Zähnen. Aufeinander schießen ist auch nur begrenzt erfreulich. Angst- und Schmerzensschreie sind kein Soundtrack, der es in die Top 10 eines halbwegs bei den Groschen Seienden schaffen kann. Kopfball, so liest man dieser Tage von führenden Medizinern immer wieder, kann zu Demenz führen. Köpfen ist Gott sei Dank oder inschallah noch kein Volkssport, der auf seine negativen Auswirkungen auf den, der es betreibt, hin untersucht worden ist. Aber dass es nicht spurlos an der Psyche vorbeigehen kann, einem anderen Menschen den Kopf abzuschneiden, dürfte Common Sense sein.

Kopfrechnen bekommt im islamischen Staat eine völlig neue Bedeutung. Liebe Gläubige! Wie wäre es, statt alles, was sich anders als ihr bewegt, umzubringen, einfach mal mit sinnvollen Beschäftigungen? Ich weiß, es ist heiß, staubig und nicht gerecht, dass viele von euch arm sind und ein paar Ölbärte so reich, dass sie das Universum schwarz ausmalen könnten, wenn sie wollten. Aber wie wäre es zum Beispiel damit richtig zu rechnen, statt immer nur abzurechnen? Früher war der Islam doch berühmt für seine Wissenschaft, knüpft da doch wieder an.

Ich traf vor ein paar Jahren einen sehr religiösen Ägypter im Sinai. Er hatte einen runden Betfleck auf der Stirn und brachte den Kindern in Taba Rechnen bei. Er war ein stolzer Lehrer und demonstrierte mir seine Fähigkeiten. Ich bin mathematisch keine Leuchte, eher ein defektes Grablicht, aber seine Rechnung verblüffte sogar mich. „Ein Drittel plus ein Drittel ist zwei Sechstel“, dozierte er. „Nein“, sagte ich höflich. „Ein Drittel plus ein Drittel sind zwei Drittel.“ Er schüttelte sein Haupt. In Kulturkreisen, wo Köpfe rollen, sollte man immer von Häuptern sprechen, damit, in Zeiten der Verarmung unserer Sprache, auch wirklich jeder begreift, was Enthauptung bedeutet. Es gibt sicher ein paar FPÖ-Wähler, die glauben, dass Enthauptung das politische Ende von Herbert Haupt, dem ehemaligen Frauenminister beschreibt. Rückblickend vielleicht eine der bizarrsten Personalentscheidungen der an bizarren Personalentscheidungen nicht gerade armen schwarz-blauen Historie. Enthauptung heißt: Kopf ab, mit dem Messer den Kopf vom Körper trennen, den Hals durchschneiden. Das Richten mit der blutigen Hand. Das einzige Land, das heute noch offiziell Enthauptungen durchführt, ist Saudi-Arabien. Wär vielleicht auch mal ein Kandidat für die Fußball-WM.

„Man muss oben über dem Bruchstrich alles zusammenzählen, also ergibt das zwei, und unterm Bruch auch, also ergibt das sechs“, sagte der freundliche Mathematiker. Ich zeichnete ihm einen Kuchen auf und teilte ihn in drei Teile, um ihm anschaulich zu erklären, wieso ich Ungläubiger trotzdem im Recht war.

„Es ist Ramadan“, sagte er und beendete die Diskussion. Nach Sonnenuntergang wollte ich ihn noch einmal besuchen, aus Respekt vor seiner Religion. Aber ich konnte ihn im Gewurle Tabas nicht finden.

Ich hänge an meinem Kopf und er an mir. Ich bezweifele, dass dieser etwas hässliche Brite Dschihadi John genug Empathie besitzt, zu ahnen, dass es denen, die er köpft, wie mir geht. Sagen wir mal, dass Dschihadi John wahrscheinlich nicht zu einer Podiumsdiskussion käme. Bei ihm müssen wir wohl davon ausgehen, dass er für die Menschheit verloren ist. Klassischer Fall von CharakterAids. Allah würde ihn auf Facebook nicht als Freund akzeptieren. Jeder Gott würde ihn bestenfalls in eine Wüstenklapse einweisen.

Ich könnte jetzt all denen, die glauben, Glaube reiche als Hinrichtungsgrund, eine Torte malen. Aber das muss ich gar nicht. Einfach mal selbst nachdenken. Ganz einfach. Und schon wird aus der „Barbara Karlich Show“ das bessere Paradies.

 

Hamdulillah!

 
>